Von der Île de Ré bis zur Vendée – ein Weinbaugebiet im Aufschwung
Die Weinberge rund um La Rochelle
In La Rochelle und ihrer Umgebung reicht die Weinbautradition mindestens bis ins Mittelalter zurück. Seit einigen Jahren erlebt die Weinproduktion eine Renaissance: Die Trauben werden nicht mehr nur für die Destillation und die Cognac-Herstellung verwendet. Nur wenige Kilometer von der Küstenstadt entfernt – auf den Inseln oder im Landesinneren – erwarten vielversprechende Weingüter neugierige Besucher und Liebhaber charaktervoller Weine mit einem attraktiven Angebot an Weintourismus-Erlebnissen.
Ein wenig Geschichte
In der Charente, insbesondere in der Region Saintonge, wird bereits seit der gallorömischen Zeit Wein angebaut. Doch erst im Mittelalter erlebte der Weinbau einen gewaltigen Aufschwung, als große Abteien begannen, ausgedehnte Weinberge zu pflanzen. Unter der Herrschaft von Eleonore von Aquitanien und Heinrich II. Plantagenet begannen die Weine aus Aunis und Saintonge, über die Häfen der Charente-Küste nach England und Nordeuropa exportiert zu werden. Der Fluss Charente war damals von „Gabares“ (Flachbodenschiffen) belebt, die den Wein bis zum Ozean transportierten.
In ganz Europa geschätzt
Die Nachfrage stieg stark, und die Weinberge breiteten sich ins Landesinnere aus – vor allem am linken Ufer der Charente, südlich von Cognac. Gegen Ende des Mittelalters wurde La Rochelle zum wichtigsten Weinausfuhrhafen an der Atlantikküste. Etwa zu dieser Zeit tauchte auch die Rebsorte Colombard erstmals in den Weinbergen auf.
Später übernahmen die Niederländer den Weinhandel mit Nordeuropa. Die Weißweine aus der Charente galten in ganz Europa – sogar am französischen Hof – als besonders angesehen. Doch mit der Zeit führte Überproduktion zu einem Wendepunkt: Die Destillation wurde eingeführt, und der Cognac war geboren – ein Produkt, das besser reift und sich leichter transportieren lässt.
Die Weine aus der Charente gerieten in eine lange Phase des Niedergangs… bevor sie im 20. Jahrhundert wieder auflebten.

Die Weinberge rund um La Rochelle
Wussten Sie das? Mit fast 80.000 Hektar Rebfläche gehört das Weinbaugebiet der Charente zu den größten Frankreichs. Auch wenn der Großteil der Trauben für die Herstellung von Cognac (und Pineau) verwendet wird, nimmt die Weinproduktion stetig zu. Die geschützte geografische Angabe IGP vins charentais erstreckt sich über den Großteil der Departements Charente-Maritime und Charente und umfasst fast 600 Winzer. Zur Appellation gehören 90 private Weinkeller, 3 Genossenschaften und 10 Händler, die sich 1.500 Hektar Weinberge teilen. Jährlich werden zwischen 70.000 und 80.000 Hektoliter erzeugt – das ergibt 10 bis 12 Millionen Flaschen auf dem Markt – eine beachtliche Menge.
Zwischen der Loire und dem Bordelais gelegen, ist das Weinbaugebiet der Charente ein Freiraum, der das Beste aus beiden Welten vereint. Ein gemäßigtes ozeanisches Klima und viel Sonnenschein schaffen hervorragende Bedingungen für den Weinbau. Die Böden bestehen hauptsächlich aus Ton-Kalk-Gemischen, mit sandigeren Bereichen an der Küste und auf den Inseln. Aufgrund der Vielfalt der Terroirs ist es schwer, einen einheitlichen Stil zu definieren, aber allgemein zeichnen sich die Weine durch Frische und fruchtige Aromen aus – ein echter Vorteil im Zuge des Klimawandels.
Ein Zeichen der Zeit: 2023 soll in Cognac ein "Maison des Vins IGP Charentais" entstehen. Gleichzeitig wird die Rebsorte Ugni Blanc, die für Cognac zentral ist, aus der IGP ausgeschlossen, um die Identitäten klar zu trennen. Im Gegenzug erlauben sich die Winzer, auch exogene Rebsorten wie Pinot Noir aus dem Burgund anzubauen.
Das Weintourismus-Angebot ist außerhalb der Inseln noch ausbaufähig, doch es entwickelt sich schnell. Immer mehr Weingüter erhalten Umweltzertifizierungen – wie das von François Jobit. Jonathan Guillon hat sich auf der Halbinsel Arvert der Herstellung hochwertiger Charentais-Weine verschrieben. Im Süd-Charente produziert Le Petit Cousinaud auf lehmig-sandigem Boden originelle Weine, darunter einen Rosé, der in guten Restaurants heiß begehrt ist.
Kurz gesagt: Die IGP Vins Charentais hat eine vielversprechende Zukunft!
Weintourismus auf der Île de Ré
Man muss nicht weit von La Rochelle fahren, um die ersten Reben zu entdecken: Schon gleich hinter der Brücke zur Île de Ré prägen Weinberge die Landschaft – begünstigt vom milden Mikroklima der Region. Die ersten Rebstöcke pflanzten im 13. Jahrhundert die Mönche der Abtei Les Châteliers, und der Weinbau hat sich seither – mit Höhen und Tiefen – gehalten.
Seit 1951 ist die Winzergenossenschaft der Île de Ré im Ort Bois-Plage-en-Ré das Herzstück des Weinbaus auf der Insel und Symbol ihres Wiederauflebens. Heute bewirtschaftet sie rund 600 Hektar, größtenteils auf kalk- und sandhaltigen Böden. Fast alle der etwa 60 Winzer der Insel arbeiten mit der Genossenschaft zusammen, die zudem mit einer Gemüsebau-Kooperative verbunden ist – diese produziert die berühmte g.g.A.-Kartoffel der Île de Ré.
Ein Besuch der Kellerei bietet Gelegenheit, moderne Weinkeller zu entdecken und das gesamte Sortiment zu probieren: trockene, fruchtige Weißweine, charmante Rosés und leichte Rote, darunter viele in Bioqualität. Weinverkostungen, genussvolle Apéritifs mit lokalen Produkten, Ausritte oder Fahrradtouren durch die Reben – das alles macht den Weintourismus hier so reizvoll. Dazu kommt eine einzigartige Landschaft mit der Kulisse des Meeres im Hintergrund.

Zwischenstopp auf Oléron – eine Weininsel
Nur wenige Seemeilen von La Rochelle entfernt liegt Oléron, die zweite große Weininsel der Charente-Region. Ausgezeichnet mit dem Label „Vignobles & Découvertes“, umfasst ihr Insulaner-Weinberg rund 800 Hektar. Und eines ist klar: Die Stars sind hier die Weißweine! Auch wenn die anderen Farbtöne nicht weniger interessant sind.
Die Rebsorten Sauvignon und Colombard dominieren und sorgen für frische, fruchtige und zitrusartige Noten. Die weißen Weine von Oléron passen hervorragend zu den berühmten AOC-Austern aus Marennes-Oléron – aber nicht nur zu ihnen! Neben der Winzergenossenschaft machen auch Weingüter wie Favre & Fils oder Coulon von sich reden – sie räumen regelmäßig Preise bei Wettbewerben ab.
Die meisten Weingüter der Insel öffnen ihre Türen für Besucher und bieten spannende Aktivitäten rund um den Wein – ein echter Geheimtipp für Liebhaber regionaler Tropfen.
Ausflug in die Vendée – Weinregion der „Südlichen Loire“
Weniger als eine Stunde von La Rochelle entfernt wartet das Weinanbaugebiet der Vendée darauf, entdeckt zu werden. Ähnlich wie in der Charente wurden hier schon in gallorömischer Zeit erste Reben gepflanzt. Im Mittelalter erlebte der Weinbau neuen Aufschwung – vor allem dank der Mönche und Klöster, die ihn wiederbelebten.
Auch Kardinal Richelieu, einst Bischof von Luçon, spielte eine bedeutende Rolle in der Förderung und Bekanntmachung der Weine der Vendée – ein Erbe, das bis heute in dieser oft unterschätzten Region spürbar ist.

Seit 1965 existierend, ist die Appellation Fiefs Vendéens seit 2011 als AOC anerkannt. Sie setzt sich aus fünf Terroirs (oder „Fiefs“) zusammen: Vix, Pissotte, Mareuil, Chantonnay und Brem. Dank sehr unterschiedlicher Böden und mehr oder weniger ausgeprägter Klimata erweisen sich die Terroirs als reich und vielgestaltig.
- Vix, gelegen auf einer kalkhaltigen Insel am Rande des Marais Poitevin, produziert große Rotweine — kraftvoll, großzügig und elegant.
- In der Nähe des hübschen Dorfes Vouvant zeichnet sich Pissotte durch seinen ton‑siliziklastischen Boden aus.
- In Mareuil sind Rot‑ und Roséweine bekannt für ihren charaktervollen Ausdruck.
- In Brem, am Atlantik gelegen, werden trockene Weißweine sowie reizvolle Rosés oder Rotweine erzeugt. Der maritime Einfluss ist deutlich und zeigt sich in spürbarer Mineralität und Salzigkeit.
- In Chantonnay befindet man sich direkt über einer karboniferen Verwerfung: die Weißweine sind streng und großzügig, die Rotweine kräftig und komplex.
Jeder Winzer setzt jedoch seine eigene Handschrift. Insgesamt zählt die Appellation Fiefs Vendéens etwa 15 Weingüter, die rund 420 Hektar Rebfläche bewirtschaften. Eine kleine Besonderheit: sie produzieren fast 40 % Rosé. Umwelttechnisch ist das Weinbaugebiet schon sehr fortgeschritten, mit einer hohen Rate an Zertifizierungen (HVE, Bio oder Demeter).
Die Weißweine werden überwiegend mit den Rebsorten Chenin und Chardonnay vinifiziert. Ihre Farbe ist glänzend und ihr Bouquet reich — mineralisch oder floral — mit salzigen oder jodigen Noten und einem leicht cremigen Finale (insbesondere bei den Chardonnays). Die Rot‑ und Roséweine werden mit Pinot Noir, Gamay, Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon und Négrette vinifiziert. Diese Rotweine zeigen eine schöne Finesse, mit seidigen, geschmeidigen Tanninen und einem knackigen Abgang. Die Rosés wiederum bieten einen lebhaften, leichten Geschmack, manchmal fleischig. Perfekte Begleiter für den Sommer!
Es existiert eine „Route der Weine“, die die fünf Fiefs Vendéens durchzieht und die 15 Produzenten der AOC miteinander verbindet. Eine Gelegenheit, zahlreiche enotouristische Aktivitäten zu genießen: Verkostungen, Besichtigungen von Weinkellern und Höhlen, Spaziergänge durch die Weinberge usw. Beispielsweise bieten die Vignobles Mourat, ein breites und spielerisches Wein‑Tourismus‑Angebot, inkl. Sommer‑Bistro mit Food‑Truck. Bei Domaine Mercier sind die privaten Themenführungen ebenso spannend wie anspruchsvoll. Und das château de Rosnay organisiert genussvolle Produzenten‑Märkte. So viele Beispiele für die Vitalität der AOC Fiefs Vendéens.
Weinkeller & Spirituosengeschäft

Geschrieben von
Jean Tiffon

